Erklärender Text zur architektonischen Quellturminstallation im Suso-Haus in Überlingen

von Prof. DDr. Markus Enders (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

 

Die Initialzündung zur Idee einer architektonischen Quellturm­installation im Suso-Haus in Überlingen geht auf eine überraschende Entdeckung beim Planungsbeginn der Renovationsarbeiten des Suso-Hauses durch den Seuse-Verein zurück: Im Keller des Suso-Hauses wurde eine Sickerquelle entdeckt, die aus einem Molasse­felsen quillt. Angesichts dieses ganz unerwarteten Funds drängte sich daher von selbst die Frage auf, wie diese Sickerquelle mit der Person und besonders mit der spirituellen Lehre Heinrich Seuses als des genius loci in Verbindung gebracht werden könnte. Zwar liegt die allgemeine religiöse Grundbedeutung der Quell-Symbolik im Christentum als eine Versinnbildlichung der creatio continua, d. h. der andauernden kreativen, erhaltenden und vervollkommnenden Wirk­tätigkeit des Schöpfergottes gleichsam auf der Hand. Worin aber könnte die spezifische symbolische Bedeutung dieser Sickerquelle für das liegen, was der erinnerungsgeschichtliche Ort des Suso-Hauses seinen Besuchern vermitteln will, für das denkwürdige Wirken seines Namensgebers Heinrich Seuse in dessen radikaler Christusnachfolge? In welcher Form aber hat Seuse seine Mit- und Nachwelt zu dieser radikalen Christusnachfolge zu motivieren versucht, die er selbst ihr vorgelebt hat? In Gestalt seiner Lehre vom mystischen Weg des Menschen zu Gott in Jesus Christus, die er am deutlichsten in seiner ‚Vita' als seiner autobiographischen Gleichnisrede vom Anfang, von der Mitte und vom Ende bzw. Ziel dieses Weges konzipiert hat. Gemäß dieser seiner mystagogischen Weglehre, die eine Verbindung zwischen dem traditionellen, auf Dionysius-Pseudo-Areopagita zurückgehenden triadischen Aufstiegsschema des Menschen zu Gott mit den drei Etappenzielen der Reinigung, der Erleuchtung und dem abschließenden Ziel der Vollendung bzw. Einung einerseits und der ebenfalls traditionellen Dreiteilung des spirituellen Weges (des Menschen zu Gott) in einen anfangenden, einen fortgeschrittenen und einen den Menschen zur Vollkommenheit führenden dritten und letzten Abschnitt darstellt, besitzt der mystische Weg des Menschen zu Gott eine erste, anfängliche Phase, in der sich der Mensch reinigen, d. h. nach Seuse von aller Anhänglichkeit im Willen an die Kreaturen lösen soll; er besitzt einen zweiten, mittleren Abschnitt, auf dem der Mensch durch eine radikale Nachfolge des Menschseins Jesu Christi von Gott passiv erleuchtet bzw. in seinem Seelengrund mit der göttlichen Natur Jesu Christi gnadenhaft vereinigt werden soll; und er besitzt eine darüber noch hinausgehende dritte und letzte Phase, in der der (geschaffene) Wesensgrund der Geistseele des Menschen mit der vollkommen einfachen Wesens­natur Gottes, der sog. Gottheit, vereinigt und dadurch vollendet wird. Eine spirituelle Kurzformel für sein mystagogisches Itinerarium von unnachahmlicher sentenzenartiger Prägnanz hat Seuse im 49. Kapi­tel, dem sog. mystischen Spruchkapitel, seiner ‚Vita' geschaffen:

Ein gelassener Mensch muss entbildet werden von der Kreatur,
gebildet werden mit Christus und überbildet werden in der Gottheit
".

Dabei entspricht die „Entbildung von der Kreatur" dem Reinigungsziel der ersten Phase des mystischen Weges; die „Bildung mit Christus" der Erleuchtung als dem Etappenziel seiner zweiten Phase und schließlich die „Überbildung in der Gottheit" der Vollendung des
mystischen Weges durch die Einung des Seelengrundes des Menschen mit der einfachen Wesensnatur Gottes.

Diese hier nur in Grundzügen dargestellte mystagogische Weglehre, die für Heinrich Seuses Spiritualität zweifellos von fundamentaler  Bedeutung ist, besitzt daher den formalen Charakter eines Aufstiegsschemas des Menschen zu Gott. Es war deshalb sachlich geradezu geboten, dass der Seuse-Verein dieses für Seuses mystagogische Spiritualität zentrale Aufstiegsschema zum Bedeutungsgeber für den Symbolgehalt derjenigen Architektur erhob, die im Ausgang von der im Keller des Suso-Hauses aufgefundenen Sickerquelle konzipiert und konstruiert worden ist: der des sog. „Quellturms". Dass diese als eine die charakterisierte mystagogische Weglehre Seuses angemessen versinnbildlichende und daher in hohem Maße gelungene künstlerische Ausdrucksform derselben gelten darf, geht aus folgenden Gründen hervor:

 1.  Es handelt sich bei der Quellturm-Architektur um eine alle drei Stockwerke des Suso-Hauses vertikal durchziehende Stein-,
Wasser-, Licht- und Klanginstallation. Diese vertikale, die drei Stockwerke des Suso-Hauses miteinander verbindende Ausrichtung der Quellturm-Architektur versinnbildlicht passend die vertikale Ausrichtung des triadischen Aufstiegsschemas der mystagogischen Weglehre Heinrich Seuses. Dabei besitzt die äußere Aufstiegsbewegung den Charakter eines äußeren Nachvollzugs, eines verstehensmäßigen Nachschreitens jener inneren Aufstiegsbewegung, die Seuses triadische Mystagogie beschreibt und zu vermitteln sucht.

 2.  Das die drei Stockwerke des Suso-Hauses miteinander verbindende Element ist das Wasser, dessen Weg durch die Stockwerke des Hauses nach oben der Besucher leicht mitgehen und nachvollziehen kann und soll. Dadurch hält die Quellturmarchitektur den Besucher dazu an und lädt ihn dazu ein, das mystagogische Itinerarium Seuse zumindest geistig nachzuvollziehen. Dabei ist das sich gleichmäßig und einheitlich bewegende und deshalb beruhigend wirkende, mithin meditative Element des Wassers in besonderem Maße dazu geeignet, den Besucher zu jener inneren Sammlung und Einkehr zu führen, die erforderlich ist, um sich die genuine Ausrichtung der Weglehre Heinrich Seuses zumindest erinnerungsgeschichtlich vergegenwärtigen und vielleicht sogar ein Stück weit existenziell zu eigen machen zu können.

 3.  Diesen Weg des Wassers nach oben orchestrieren gleichsam die Licht- und Klanginstallationen, die die beschriebene Aufstiegs­bewegung des Besuchers nach oben bis hin zum Dachraum als dessen fortschreitendes Eintreten in eine gesammelte Stille und Einfalt begleiten und vertiefen.

 4. Der Rückweg des Wassers nach dem Erreichen seines Scheitelpunktes im Dachraum durch die die drei Stockwerke des Suso-Hauses hindurch soll die erfahrungshafte Rückkehr des Mystikers nach dem ihm gegebenen bzw. von ihm erlittenen Vollzug der mystischen Einheitserfahrung mit der Gottheit in die Welt der erscheinenden Vielheit versinnbildlichen. Denn die mystagogische Weglehre Seuses dient der Weitergabe und Mitteilung der Früchte der unmittelbaren Gotteserfahrung des Mystikers an seine Um-, Mit- und Nachwelt. Der mystisch begnadete Mensch wird nach Seuse zum barmherzigen und gerechten Friedensstifter für andere, er wird zum Segen für alle. Diese Weitergabe von Frieden und Liebe ist es, die der Rückweg des Wassers vom Dachraum des Suso-Hauses zu seiner verborgenen Quelle in dessen Keller versinnbildlichen soll. Denn der mystische Weg ist nach Seuse genau genommen erst dann vollendet, wenn er in diesem Sinne für andere fruchtbar geworden ist.

 

Zusammenfassend betrachtet, stellt die Quellturmarchitektur im Suso-Haus eine ihren erläuterten Symbolgehalt feinsinnig versinnbildlichende künstlerische Veranschaulichung und Aktualisierung der mystagogischen Weglehre Heinrich Seuses dar, die hervorragend dazu geeignet ist, den Besucher mit dieser Weglehre als dem Herzstück der mystischen Spiritualität Heinrich Seuses in eine tiefe geistige und mehr noch innerliche Verbindung zu bringen.

 

 Freiburg, den 25. Januar 2011

 

 (Prof. DDr. Markus Enders)